Freitag, 28. Dezember 2007

Umbruch ja, aber wohin?

Wie im 2. Blog „meine Wahrnehmungen….“ beschrieben umfasst das Waidwerk viele unterschiedliche Themen und hat somit mit sehr vielen unterschiedlichen Interessengruppierungen Berührungen, die meist Anlass zur irgendeiner Art Frustration sind. Die Flucht in der Retrospektive ist da nicht so hilfreich.

Der Landkreis Karlsruhe ist Teil der Metropolregion Rhein/Neckar/Main und betrachtet man den Zuwachs der Bevölkerung über die letzten 40 Jahre, sollte klar sein, dass jeder Hinzugezogener Anspruch auf seinem „Platz“ hat.

  • Von 1961 bis 2006 war der Bevölkerungszuwachs im Landkreis Bruchsal ungefähr 50%. In der Zeit 1970-2005 betrug dieser in BW 20% und für das gesamte Deutschland nur 6%. Einige Gemeinde innerhalb Landkreis Bruchsal hatten Zuwachsraten (1961-2005) von 70%.

Der wirtschaftliche Aufschwung in dieser Region war über Jahre hervorragend und somit waren Fremden sehr willkommen. War es mal das verkaufte Grundstück, oder der Ausbildungsplatz für die Kinder, der eigene Arbeitsplatz, das Leistungsangebot der Dienstleistungsgeschäfte, etc. die Region zeigt eine sehr große Zufriedenheit mit sich und ihrer Umgebung.

Ein Großteil der Jagdausübung erfolgt von Privatpersonen über die Pflege ihres Hobbys. Der finanzielle Aufwand für die Jagdausrüstung ist beachtlich, noch mehr wird’s wenn man dann die Aufwendungen für Verpachtung mit hin zunimmt. Aus dieser Sicht lässt sich Jagd noch schwierig unter ein normales Hobby, wie diese im Volksmund so bekannt ist, einreihen. Auch der Jäger als Mensch hat inzwischen gelernt, dass ein gewisses Maß an wirtschaftlichem Denken ihm/ihr gut steht und mögliche euphorische, jedoch fatale Fehler fernhält.

Jagd und Freizeit: Feld und Wald werden zunehmend von Freizeitaktivitäten beansprucht. Die herkömmliche Formen sind Wild und Jagd gegenüber eher tolerable; die neue Formen (Nordic Walking, Joggen, Mountainbiken) beinhalten Störungselemente, die schwer lenkbar sind. Bekannt ist der akustische Geräuschpegel von Nordic Walker und Jogger und das nicht nachvollziehbare „Abkürzen querfeldein“. Es entstehen nicht nur mehr „Pfade“ sondern Ruhezonen von Wild werden verkleinert. Der Mountainbiker braucht unterschiedliche Arten off-road Geländer, was nicht zwangsläufig diesen Wald oder jene Feldflur bedeutet. Walker und Jogger findet man in der Regel in Ortsnähe, Naherholungsgebiete und in der Nähe von Waldparkplätze. Kann man beim Jogging noch eine Argumentation Natur und Gleichgewicht ansetzen, ist das beim Biken eher unsinnig. Also müssen Alternativen für Biker gefunden werden, vielleicht ähnlich wie Reitwege.

Jagd und forstwirtschaftlicher Energiehaushalt: Anstatt die frühere Kahlschläge gibt’s heute nachhaltige Forstwirtschaft. Wurden vor 2 Jahren Kiefer, vor einem Jahr Eichen, werden dieses Jahr die Buchen geschlagen. Der Vollernter kommt irgendwann aber zeitlich immer unerwartet. Die Kronen und anderes für die Holzwirtschaft unrentable Baumteile kann der Privatmann ersteigern. Nicht dessen Motorsäge, sondern der Abtransport per PKW-Anhänger bringt bis zum Frühsommer „Leben“ in den Wald. Dieses seltsame Hobby „sich leiblich zu tüchtigen“, mehrfach ausgeübt von Büroangestellten, wäre vor 70 Jahren schwer vorstellbar gewesen. Werden die Russfilter hier etwas ändern?

Jagd und die optimale Flächennutzung: Nachdem Feldwege zwecks wirtschaftlicher Bestellung der Felder von vielen Bauern eigenmächtig wegrationalisiert wurden, wird inzwischen bis am Waldrand die Fläche landwirtschaftlich genutzt. Auch dann wenn es Schattenbereichen sind. Diese Flächen sind faktische Behinderungen für die Ausübung der Jagd und entwickeln sich als latente einnahmekompensatorische Finanzquellen. Läuft dann noch im Sommer ein Wildschadensschätzer 4 Stunden in der Feldflur herum um einen Schaden von € 34,23 zu protokollieren, ist diese Situation Filmreif im Genre Komik. Im Kommen ist der Bio-Treibstoff. Bedeutet dieses irgendwann die Rückabwicklung von der Flächenstilllegung? Und dann sind die EU-Förderprämien noch nicht erwähnt. Wenn Weintrauben aus Argentinien auf deutschen Tischen in Februar inzwischen Norm sind, wurde im Dialog Landwirt/Jäger wohl einige Kapitel (Globalisierung, Wettbewerb, Versorgungsinfrastruktur) nicht verarbeitet. Der Jäger ist für den Landwirt keine Finanzspritze. Dass die Landwirte unter sich gut informiert sind, sollte bekannt sein. Dass die leidvolle Diskussion über Wildschäden (Umfang, Ertragsausfall, Vergütung, Prävention) inzwischen für einige eine Lieblingsbeschäftigung geworden ist, haben wir als Jäger durch unsere Resonanz in der Vergangeheit in gleichen Maßen hervorgerufen.

Jagd und Haustiere: Unter den Jagdkollegen sind immer jene willkommen, die meinen, dass §23 BJagdG/ §29 LJagdG eine spezielle Gruppe von Waldbesuchern zu verdeutlichen ist. Dass was ein Dialog sein sollte wird dann zum lauten Monolog. Die dazu verurteilten Zuhörer (diese Waldbesucher) nehmen dann schlussendlich nur das Entgegengesetzte der Argumentation auf, so dass man eigentlich sagen kann: “schweigen wäre für alle Beteiligten besser“. Schlägt man dann die Zeitung auf und findet dort einen Bericht aus einer Tierarztpraxis, der sich über die Hälfte der Seite erstreckt, ist immer wieder zu hoffen, dass Jagd und Jäger dort nicht erwähnt werden. Im letzten Bericht, den ich aus dem Raum Heidelberg las, ging es um einen Luftgewehr. Anscheinend kann man einfach Presse gewinnen und Platz in der Tageszeitung bekommen. Wieso wird dieses nicht positiv, motivierend für die Jagd genutzt? Klar es kostet Mühe, die dann als Zeit von der Jagdausübung abgeknabbert werden muss. Was macht nun ein Jäger dessen Junghund gerade eine ausgiebige, jedoch ungeplante Feldsuche beendet hat? Diese Frage, die ich letztens bekam, war völlig unnötig und dient unsere gemeinsame Sache „die Jagd“ nicht. Unter Jäger wird ja oft gesagt, dass der Wald oder das Feld viele Augen hat. Auch diese können wir mal auf uns selber anwenden.

Jagd und Fleischhygiene: Nach einer Jagd bis zum Verblasen der Strecke vergeht viel Zeit, die genutzt wird für Gespräche mit alten Bekannten oder auch mit „neuen Gesichter“. Die Atmosphäre ist in der Regel sehr gut und konstruktiv. Insbesondere dann, wenn die Strecke einen großen Jagderfolg unterstreicht. In so einem Gespräch wurde ich auf ein Stück Rehwild aufmerksam gemacht, dessen Wildbrett schon verfärbt war. Wie denn nun dieses Stück dort hinkam ist mir nicht klar geworden; ich habe das Stück weder nach Ein- und Ausschuss noch nach anderen Verletzungen untersucht. Ich sprach darauf hin einen örtlichen Jäger an mit der Bitte dieses Stück doch zu entsorgen und nicht auf die Strecke hinzulegen. Die verblüffende Antwort: „ich bin hier kein Pächter, somit ist dieses nicht meine Verantwortung“ hat mich schon stark überrascht. Da sich in vielen EU Ländern zwischen Jägern und Verbrauchern einen fachkundigen Händler befindet, kam somit eine neue Fleischhygieneverordnung auf die Jäger in Deutschland zu. Wenn man dann aber oberen Streckenfall betrachtet, fragt man eigentlich nach der Zivilcourage und der Vorbildfunktion. Oder sind wir nicht selber unsere besten Gegner?

Und dann einmal in 9 oder 12 Jahren kommt es zu diesem Nervenkitzel, wo die Finanzkraft einzelner Mitbürger gegenüber der Außenwelt provokativ offen gelegt wird. Alle möglichen Beeinträchtigungen der Jagd, ob nun Wildschäden oder Beunruhigungen, sind nicht mehr bedeutsam. Lokalaristokraten, zur Sicherstellung ihrer Wirtschafts- und Politikinteressen, Traditionalisten, zur Abrundung von Lebensabschnitten, Übergangenen, zur Kompensation der Vergangenheit, zeigen ihr gesteigertes Interesse ohne Berücksichtigung jegliches Preis-/Leistungs-Verhältnisses. Daraus ist dann eine Losvergabe am Meistbietenden durchaus nachvollziehbar. Wird dann einige Zeit nach der Pachtvergabe seitens neuen Pächter die netto Ertragslage aus der aktuellen Pacht diskutiert, kann man doch eigentlich nur Stirnerunzeln bei den Verpächtern erwarten.

Diese Beispiele zeigen die Illustration von Macht aus Sicht eigennütziger Dominanz.

Überzeugung durch Einsicht komplettiert mit ausgereiften Sachargumenten, die für den Zuhörer nachvollziehbar sind und diesen Zuhörer zur Änderung seiner/ihrer Einstellung überzeugt, sind seltsam. Wenn die Jagd nicht mehr so viel mit Wildromatik in Bergwäldern zu tun hat, sollten wir Jäger mit der uns so geliebte Passion die Jagd positiv und motivierend an anderen vermitteln anstatt sie mangels wirksame Dialoge zu einem Tabuthema anwachsen zu lassen. Hierzu gehört Zivilcourage ebenso wie Entgegenkommen. Beispiele wie „die Waldschule“ sind lobenswert, aber das Meinungsbild über Jäger wird von Erwachsenen geprägt. Das Leben in der Retrospektive löst Lethargie aus. Auch wir Jäger leben heute in einer Umgebung geprägt durch Menschen von heute. Die schönen Geschichten von damals sind interessant auf der Kaminbank im Winter oder im Biergarten im Sommer. Orientierungshilfe bieten diese Geschichten für Themen wie geistiges Gleichgewicht, persönliche Verantwortung und Konsumsättigung.

Keine Kommentare: